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Das Jahr 501 / Teil I - Alte und neue Weltordnungen

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Schwarzer Faden, Januar 1993

Das Jahr 501 stellt eine kritische ethische und kulturelle Herausfordrung für die priviligierteren Bereiche der dominanten Gesellschaften dar. Die Herausforderung wird durch den Umstand, daß innerhalb dieser Gesellschaften, namentlich unserer eigenen, die bekannten Anstrengungen über viele Jahrhunderte ein Maß der Freiheit erreicht haben, welches die Möglichkeiten des freien Denkens und des bewußten Agierens einschließt. Wie sich dieser Herausforderung gestellt wird, und ob sie überhaupt auf einer breiten Basis angenommen wird, kann schicksals-schwere Konsequenzen haben.

Wie jedermann weiß treten wir in das fünfhundertste Jahr der alten Weltordnung ein, die manchmal als kolumbische oder Vasco da Gama Ära der Weltgeschichte bezeichnet wird, abhängig davon, welcher der beiden blutdürstigen Abenteurer dort zuerst ankam. Diese Ära wird auch als das "500- jährige Reich" bezeichnet, um den Titel eines kürzlich erschienen Buches zu entlehnen, welches die Methoden und die Ideologie der Nazis mit denen der europäischen Eroberer, die sich den größten Teil der Welt untertan machten, vergleicht. (1) Das Hauptthema der alten Weltordnung bestand in der Konfrontation zwischen Eroberern und Besiegten auf globaler Ebene. Dies hat verschiedene Formen angenommen und ist mit unterschiedlichen Namen bezeichnet worden: Imperialismus, Nord- Süd Konflikt, Industrieregion gegen Peripherie, die G-7 und deren Satelliten gegen den Rest. Oder einfacher ausgedrückt: Die Beherrschung der Welt durch Europa.

Unter dem Begriff "Europa" schliessen wir die von Europäern besiedelten Kolonien, die jetzt den Kreuzzug anführen, ein; südafrikanische Gepflogenheiten adoptierend werden die Japaner als "honorable Weisse" zugelassen, reich genug um sich dafür zu qualifizieren. Japan war ein Teil des Südens, der der Eroberung entkam, und war vielleicht nicht zufälligerweise in der Lage dem Gürtel mit einigen seiner Kolonien im Schlepptau beizutreten. Die Idee, daß es in der Korrelation zwischen Unabhängigkeit und Entwicklung mehr gibt als den reinen Zufall wird durch einen Blick auf Westeuropa unterstützt, wo kolonisierte Gebiete dem Dritte-Welt Pfad der Unterentwicklung folgten. Ein erwähnenswertes Beispiel dafür ist Irland,zunächst gewaltsam erobert, dann von seiner Fortentwicklung durch die gewöhnliche Freihandelsdoktrin ausgeschlossen; in selektiver Weise angewandt um die Subordination des Südens zu sichern - heute "Strukturanpassung", "Neoliberalismus", oder "unsere noblen Ideale" genannt, von denen wir uns aber natürlich ausschließen.(2)

Ein wenig Geschichtliches

Die frühen spanisch-portugiesischen Eroberungen hatten ihre europäischen Entsprechungen. Im Jahre 1492 wurde die jüdische Gemeinde in Spanien gewaltsam vertrieben oder zur Konvertierung gezwungen. Millionen von Mauren litten am selben Schicksal. Der Fall von Granada im Jahre 1492, eine Maurische Hoheit über acht Jahrhunderte beendend, erlaubte es der spanischen Inquisition, ihre barbarische Gewalt auszuweiten. Die Eroberer zerstörten unbezahlbare Bücher und Manuskripte mit kostbaren Aufzeichnungen von klassischen Wissen und vernichteten eine Zivilisation, die unter der toleranteren und zivilisierteren maurischen Herrschaft aufblühte. Die Bühne war frei für den Niedergang Spaniens und auch für den Rassismus und die Schlächtereien der Welteroberungen- mit den Worten des Afrikahistorikers Basil Davidson: "der Fluch des Kolumbus".

Spanien und Portugal wurden bald ihrer führenden Rolle entledigt, indem englische Piraten, Plünderer und Sklavenhändler die Meere überfluteten. Der lästigste von ihnen war vielleicht Sir Francis Drake. Später nahm sich der neu konsolidierte englische Staat der Aufgabe der "Kriege für Märkte" an im Gegensatz zu den früheren "Kaperfahrten der elisabethischen See-Hunden" (Christopher Hill). Die Macht seines Staates ermöglichte es England außerdem die keltische Peripherie zu unterwerfen, um die feingeschliffenen Verfahren dann mit noch größerer Zerstörung auf die Opfer in Übersee anzuwenden. Im Jahre 1651 war England mächtig genug, um den Navigationsakt zu erzwingen, der eine geschlossene Handelszone über große Teile der Welt etablierte, wobei die englischen Handelsherren das Monopol besaßen. Sie waren somit dazu in der Lage, sich durch Sklavenhandel und Ihren "Plünderungshandel mit Amerika, Afrika und Asien" (Hill) zu bereichern, unterstützt durch "vom Staat finanzierte Kolonialkriege" und die vielfältigen Vorrichtungen des ökonomischen Managements durch welche die Staatsmacht die Entwick- lung vorantreibt. (4)

Es sollte hervorgehoben werden, daß die von den Mächtigen gepredigten ökonomischen Doktrine für andere bestimmt sind, um diese effizienter auszurauben und auszuschlachten. Keine der wohlhabenden Gesellschaften akzeptiert diese Bedingungen für sich selbst, es sei denn sie bedeuten einen zeitweiligen Vorteil; und ihre Geschichte zeigt, daß ein scharfes Abweichen von diesen Doktrinen eine Grundvoraussetzung für ihre Entwicklung war. Mindestens seit der Arbeit von Alexander Gerschenkorn in den fünfziger Jahren wird von Historikern der Ökonomie weitestgehend akzeptiert, daß "Spätentwicklung" in kritischer Weise von Staatsintervention abhängt. Japan und die "Newly Industrializing Countries (NIC)" in seiner Peripherie sind dafür zeitgenössische Beispiele. Das gleiche gilt für die "frühe Entwicklung" von England und den Vereinigten Staaten. Hohe Zollgebühren und andere Formen der Staatsintervention mögen zwar die Kosten für amerikanische Konsumenten erhöht haben, erlaubten es aber der einheimischen Industrie sich zu entwickeln, von Textilien über Stahl bis zu den Computern, hielten in den früheren Jahre die billigeren englischen Produkte ab, ermöglichten einen vom Staat garantierten Markt und die öffentliche Subvention für Forschung und Entwicklung in hochentwickelten Bereichen aufrechtzuerhalten. usw. "Den Im- port durch staatliche Maßnahmen zu ersetzen ist so ziemlich der einzige Weg sich zu industrialisieren", beobachtet die Entwicklungsökonomin Lance Taylor, dem hinzufügend, daß es "im Endeffekt keine laissez-faire Übergänge zum modernen wirtschaftlichen Wachstum gibt. Der Staat an sich hat immer interveniert, um eine kapitalistische Klasse zu erschaffen. Und dann muß diese Klasse reguliert werden, der Staat muß sich Sorgen darüber machen von dieser Klasse übernommen zu werden. Der Staat hat aber immer überlebt". Desweiteren wurde der Staat regelmäßig von der kapitalistischen Klasse dazu angehalten sie vor den destruktiven Kräften eines unregulierten Marktes zu schützen, Quellen, Märkte und Möglichkeiten der Investitionen zu sichern und im allgemeinen die Maximierung und Ausdehnung ihrer Profite zu garantieren. Das Pentagon- System für die Unterstützung der "High Tech Industrie" durch die öffentliche Hand gibt dafür das glänzendste Beispiel. (5)

Es verwundert einem kaum, daß die Regierung nach neuen Wegen sucht, um die auf dem Pentagon basierenden Industriezweige zu erhalten, da jetzt der konventionelle Zusammenhang verschwunden ist. Ein Weg besteht im verstärkten Waffenverkauf in fremde Länder, was auch zur Linderung der Zahlungsschwierigkeiten beiträgt. Die Bush- Administration hat zur Stimulation von Waffenverkäufen ein Zentrum für Abwehrhandel gegründet. Die US- Botschaften wurden angewiesen daran aktiv mitzuwirken, während gleichzeitig Anleihen durch die Regierung für Waffenverkäufe in Höhe von einer Milliarde US Dollar bereitgestellt wurden. Es wird berichtet, daß die "Defense Security Assistance Agency" mehr als neunhundert Beamte in rund fünfzig Länder geschickt hat, um dem Verkauf von US Waffen Vorschub zu leisten. Der Golfkrieg wurde hauptsächlich als Werbeveranstaltung gesehen. Larry Kolb von der Brooking Institution, vormals Assistenzsekretär der Verteidigung für Logistik, bemerkt, daß das Versprechen auf Waffenverkäufe die Aktienkurse der Militärindustrie trotz dem Ende des Kalten Krieges oben hielt. Die Waffenverkäufe schossen in die Höhe und zwar von 12 Milliarden 1989 zu beinahe 40 Milliarden im Jahre 1991. Geringfügige Einbussen bei Verkäufen durch das US-Militar wurden durch Waffenverkäufe anderer US Firmen mehr als wett gemacht. (6) Solche Überlegungen sollten aber nicht die fundamentale Rolle des Pentagon System (einschließlich NASA und DOE) verschleiern, die darin besteht, die High Tech Industrie im allgemeinen aufrechtzuerhalten, genauso wie die Intervention des Staates in der Unterstüzung der Biotechnologie, der Pharmaforschung, der Agrarindustrie und den meisten konkurrenzfähigen Bereichen der Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen.

Nach den Richtlinien des IWF sind die USA nach einer von George Bush vor seiner Amtszeit recht treffend beschriebenen Dekade der "Voodoo Economies" ein ernsthafter Kanditat für einschneidende wirtschaftliche Sparmaßnahmen zu sehen. Die USA sind allerdings viel zu mächtig, als daß sie den für die Schwachen vorgesehenen Regeln unterlägen. Kein Land vertrat die Doktrin des Liberalismus vehementer als Großbritanien, nachdem sie die Staatsmacht zum Raub und zur Zerstörung einsetzten und damit den Grundstein für die erste industrielle Revolution und ihre Vormachtstellung in der Welt legten. Die leidenschaftliche Rhetorik verschwand aber sobald sie den Bedürfnissen der Herrschenden nicht länger entsprach. In den zwanziger Jahren nicht in der Lage mit den Japanern zu konkurrieren, schloß Großbritannien Japan erfolgreich vom Handel mit dem Commonwealth (einschließlich Indiens) aus. Die Amerikaner und Holländer folgten dem in ihren kleineren Einflußsphären. Diese bedeutsamen Faktoren führten zum pazifischen Krieg, indem Japan seinen mächtigen Vorgängern nacheiferte, deren Liberalismus naiverweise übernehmend, nur um herauszufinden, daß es sich dabei um einen den Schwachen auferlegten Betrug handelt, von den Starken nur solange aktzeptiert, wie er sich als nützlich erweist. So ist es immer gewesen. Einschätzungen der Weltbank zufolge reduzieren die Protektionsmaßnahmen der Industrienationen das nationale Einkommen der "Entwicklungsländer" ungefähr um den doppelten Betrag der offiziellen "Entwicklungshilfe". Der Begriff "Entwicklungsländer" steht als Euphemismus für diejeingen, die sich nicht entwickeln (mit ein wenig Hilfe ihrer Freunde). Wir wollen nun auf ein paar Beispiele zurückkommen.

"Entwicklungshilfe" kann deren Empfängern nützen oder schaden, was aber nebensächlich ist. Typischerweise ist es eine Form der Exportförderung. Ein anschauliches Beispiel ist das "Food for Peace Program", zur Unterstützung der US Agrarwirtschaft gedacht und dazu, andere von "unseren Nahrungsmitteln abhängig zu machen" (Senator Hubert Humphrey); und zur Unterstützung des globalen Sicherheitsnetzwerks, daß die Ordnung in der Dritten Welt aufrechterhält, indem die dortigen Regierungen andersweitig vorgesehene Gelder zu Waffenverkäufen verwenden (und damit wiederum die US Rüstungsindustrie unterstützen). Ein anderes bekanntes Beispiel der Exportförderung war der Marshallplan und andere Programme dieses Zeitabschnittes, hauptsächlich durch die "Dollarlücke" verursacht, die der US-Industrie ihrer Absatzmärkte beraubte und eine Wiederkehr der Depression der dreißiger Jahre heraufbeschwor. Allgemeiner gesprochen lag das Ziel in der "Verhinderung eines wirtschaftlichen, sozialen und politischen Chaos in Europa, in der Bändigung des Kommunismus (im Zusam- menhang mit dem Erfolg der europäischen kommunistischen Parteien, nicht aber der sowjetischen Einmischung), desweiteren in der Verhinderung des Kollapses der US-Außenhandels und dem Ziel der Multilateralität" (mehrseitige internationale Handelsbeziehungen Anm. der Übersetzer) und zur ökonomischen Stimulierung der "Eigeninitiative und des privaten Unternehmertums auf dem europäischen Kontinent und der USA", um die Gefahr von "planwirtschaftlichen Experimenten und der Verstaatlichung" die "das private Unternehmertum gefährden" würden abzuwenden (Michael Hogan, in einer der wichtigsten Schulstudien). Der Marshallplan "bereitete auch den Boden für umfangreiche private Direktinvestitionen in Europa", wie Reagans Handelsministerium 1984 bemerkte, damit die Grundlage schaffend für moderne multinationale Unternehmen, die mit den "transnationalen Geschäften prosperierten und expandierten,... eigentlich von den Dollars des Marshallplans gesponsert" und "unter der Obhut der amerikanischen Macht" vor "negativen Einflüssen" geschützt, wie von der Business Week 1975 bemerkt wurde, darüber lamentierend, daß das goldene Zeitalter der Staatsintervention vorübergehen wird. Die Hilfe an Israel, Ägypten und die Türkei, den gößten Nutznießern amerikanischer Hilfe der letzten Jahre,resultiert aus deren Rolle die US Dominanz im Mittleren Osten mit seine enormen Ölreserven zu sichern. (8)

So ist es bei jedem Fall. "Unser Idealismus" und die "amerikanischen Werte" (Henry Kissinger) sind Werkzeug der herrschenden Klasse in den staatlichen und ideologischen Institutionen. Die Wirklichkeit wandelt auf anderen Pfaden.

Die Nützlichkeit des freien Handels als Waffe gegen die Armen wird sehr gut durch eine Studie der Weltbank über die globale Erwärmung illustriert, dazu erstellt um einen "Konsens unter den Nationalökonomen zu erreichen (gleichzusetzen mit dem Beraterstab der Regierenden) und zwar vor der Konferenz über die globale Erwärmung in Rio de Janeiro. Der Wirtschaftskorrespondent der New York Times Silvia Nasar berichtet darüber unter der Unterschrift "Kann der Kapitalismus die Ozonschicht retten?" (mit der Andeutung: ja, er kann). Lawrence Summers, Wirtschaftswissenschaftler an der Harvard Universität und gleichzeitiger Chefökonom der Weltbank erklärt; daß die weltweiten Umweltprobleme hauptsächlich als "Konsequenz der fehlgeleiteten Politik der Einschränkung auf wirtschaftliche Fragen" zu sehen sind. Im besonderen dabei die Politik der ärmeren Lander, die "ihr Öl, ihre Kohle und Erdgas an einheimische Käufer in der Hoffnung abgeben ihre Industrie zu stützen und die Lebenshaltungskosten der Arbeitenden in den Städten gering zu halten (Nasar). Wenn die armen Länder nur die Courage aufbringen könnten dem "extremen Druck zu widerstehen, ihre Wirtschaftslage zu verbessern", indem sie die Entwicklung vorantreiben und gleichzeitig ihre Bevölkerung vor dem Verhungern retten, dann würden die Umweltprobleme verschwinden. "Den freien Markt in Russland und anderen armen Ländern einzuführen kann mehr zu langsamen globalen Erwärmung beitragen als jedes von den reichen Landern in den neunziger Jahren begonnene Unternehmen", so schließt die Weltbank - korrekterweise, denn die Reichen werden kaum eine für ihre Interessen schädliche Politik verfolgen, und sie besitzen viele Waffen gegen die Armen einschließlich des selektiven Einsatzes des "freien Marktes (zwischen den Zeilen gelesen sehen die maßgeblichen Wissenschaftler auch, daß "ein effektiverer Einfluß des Staates" die Umweltverschmutzung reduziert, aber auf die Kleinen einzudreschen seine Vorteile hat).

Auf derselben Seite des Wirtschaftsteils der New York Times findet sich eine Sparte, die sich auf ein vertrauliches Memorandum der Weltbank bezieht, das gerade auch von "London Economist" veröffentlicht worden ist. Er schreibt: "Nun mal unter uns, sollte die Weltbank nicht eine verstärkte Migration von den dreckigen Industrien in die Dritte Welt unterstützen?" Dies sei aus wirtschaftlilichen Gründen laut Simmers plausibel, da zum Beispiel ein krebserzeugender Stoff größere Auswirkungen "in einem Land haben wird, in dem Menschen so lange überleben bis sie Prostatakrebs bekommen gegenüber einem Land in dem die Sterblichkeitsrate unter 5 Jahren bei zweihundert von tausend liegt". Arme Länder sind "weniger stark verschmutzt" und es erscheint aus Gründen der wirtschaftlichen Rationalität nur vernünftig, daß die "dreckige Industrie" dazu ermutigt wird, dorthin zu ziehen. "Die wirtschaftliche Logik in der Frage des Abladens von Giftmüll im ärmsten aller Lander ist ohne Einwand und darüber sollten wir uns im Klaren sein". Sumers sieht "Argumente gegen diese Vorschläge", nämlich eines Exports der Umweltverschmutzung in die Dritte Welt: "uneingeschränkte Rechte auf bestimmte Waren, moralische Gründe, soziale Belange, Mangel an entsprechenden Märkten, etc". Das Problem aber sei, daß diese Argumente "umgedreht, und so mehr oder weniger effektiv gegen jeden Vorschlag der Weltbank zur Liberalisierung verwendet werden könnten". "Mister Summers stellt Fragen, die die Weltbank am liebsten ignorieren würde",schreibt der "Economist",aber "in Wirtschaftsfragen ist seinen Streitpunkten schwer zu begegnen". Wir hätten die Schlußfolgerungen zu akzeptieren oder sie als ein "Reductio ad absurdum- Argument" gegen die Ideologie des "freien Marktes" zu verstehen.

Die Dogmen sind somit sehr klar. Aus Gründen der wirtschaftlichen Rationalität sollte die Dritte Welt ihre fehlgeleiteten Bemühungen eine wirtschaftliche Entwicklung zu erreichen einschränken, die die Bevölkerung vor einem Disaster bewahrt, während die Reichen - den gleichen Prinzipien dieser ökonomischen Rationalität unterliegend - die Verschmutzung in die Dritte Welt exportieren sollten. Auf diese Weise kann der Kapitalismus die Umweltkrise bewältigen tigen. Der Kapitalismus des freien Marktes ist tatsächlich ein schon sehr merkwürdiges Werkzeug. Es sollten jährlich zwei Nobelpreise verliehen werden, nicht nur einer.

Mit dem Memorandum konfrontiert sagte Summers, daß es "nur dazu diene eine Debatte zu provozieren" - irgendwo und daß es eine "sarkastische Entgegnung" auf eine andere Erhebung der Weltbank im Stile von Jonathan Swift sei. Vielleicht gilt dasselbe für die "Konsensus- Studie" der Weltbank über die auf derselben Seite der New York Times berichtet wird. Es ist in der Tat oft sehr schwer festzustellen, ob es sich bei den intellektuellen Produkten der Weltbank und anderer Experten um ernsthafte Vorschläge oder um eine perverse Art des Sarkasmus handelt. Unglücklicherweise kann sich eine große Zahl von Leuten, die diesen Dogmen anhängen den Luxus nicht leisten über diese Frage nachzudenken. (9)

Obwohl für uns nicht vorgesehen, "hat der freie Handel doch seine Vorzüge", beschreibt Arthur McFwan in einer Revision der industriellen und landwirtschaftlichen Entwicklung durch Protektionismus und andere Formen der Staatsintervention, besonders in den USA: "Hochentwickelte Länder können den freien Handel dazu benutzen ihre Macht und ihre Kontrolle auf das Wohlergehen der Welt auszudehnen; und die Wirtschaft kann den freien Handel als Waffe gegen die Arbeit verwenden. Und am wichtigsten: Der freie Handel kann die Bemühungen einer Gleichverteilung der Einkommen entgegnen, kann progressive soziale Programme untergraben, und Leute davon abhalten ihr wirtschaftliches Leben auf demokratische Weise zu kontrollieren". (10) Es ist kein Wunder, daß die neoliberale Doktrin einen solch grandiosen Sieg im ideologischen System errungen hat. Die Beweise der erfolgreichen Entwicklung und den eigentlichen Konsequenzen der neoliberalen Doktrin werden mit einer Verachtung zurückgewiesen, die irrelevante Belästigung verdient.

All dies ist entscheidender Teil des Doktrinären und des politischen Rahmens der alten und der neuen Weltordnung.

Die englischen Einwanderer Nordamerikas verfolgten den von ihren Vorfahren im eigenen Land vorgegebenen Kurs. Von den frühesten Tagen der Kolonisation an war Virginia ein Zentrum der Piraterie und der Plünderung, spanische Händler überfallend und französische Siedlungen bis an die Küste von Maine verwüstend. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war "New York zum Markt für Piraten geworden, die dort Beutegüter der hohen See abluden", bemerkt der Historiker Nathan Miller, während in England "die Korruption die Räder der Staatsmaschinerie schmierte";

"Bestechung und Korruption tion spielten eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der modernen amerikanischen Gesellschaft und in der Bildung eines Komplexes der ineinader verzahnten Staats- und Wirtschafts maschinerie, der momentan unser Schicksal bestimmt", schreibt Miller, damit die jenigen Ideologen ins Lächerliche ziehend, die sich angesichts von Watergate schockiert gaben.

Indem sich die Staatsmacht konsolidierte, wurde die Piraterie weniger aktzeptabel als Bestechung und Korruption, obwohl es die USA nicht zuließ, daß der Sklaverei oder anderer Straftaten schuldige Landsleute von internationalen Gerichten verurteilt wurden. Die USA aktzeptierten nicht die vernünftigen, von Lybiens Ghaddafi eingebrachten Vorschläge, daß ihr erklärter Terrorismus vor den Weltgerichtshof gebracht wird. Diese Vorschläge werden von den USA natürlich mit Hochmut zurückgewiesen, da sie von Instrumenten ten wie den Weltgerichtshof wenig Nutzen haben - vielleicht deshalb weil, wie der anerkannte Spezialist für Internationales Recht, Alfred Ruhm, vorschlägt, "die USA und seine zwei europäischen Freunde nach einer legalen Basis für einen Militärschlag gegen Lybien suchen, der einem amtierenden Präsidenten oder Premierminister bezüglich eines sich nähernden Wahltermins helfen könnte". Die US-amerikanische Weigerung, eine Verurteilung von Kriminellen zuzulassen war keine geringe Sache. Zur Mitte des Jahrhunderts führten "die meisten Sklavenschiffe nicht nur die amerikanische Flagge, sondern waren in Besitz von amerikanischen Bürgern". (12> Unter der amerikanischen Unabhängigkeit wurde die Macht des Staates zum Schutz der einheimischen Industrie, zur Förderung der landwirtschaftlichen Produktion, zur Manipulation des Handels, zur Monopolisierung der Rohstoffe und zum Landraub benutzt. Mit den aufmunternden Worten des diplomatischen Historikers Thomas Bailey gesprochen "konzentrierten sich die Amerikaner auf die Aufgabe Bäume und Indianer zu fällen und ihre natürlichen Grenzen auszuloten". (13) Diese Aufgaben erschienen durch die erprobten Standards der politischen Korrektheit besonders vernünftig; die Herausforderung dessen hat in den letzten paar Jahren, wie vorauszusehen, unter denen, die alles außer einer totalen Kontrolle über das ideologische System als unaussprechliche Katastrophe begreifen, eine große Hysterie erzeugt. Hugo Grotins, ein führender Humanist des 17. Jahrhunderts und Begründer des modernen Internationalen Rechts bestimmte, daß "der gerechteste Krieg der gegen die wilde Bestie und danach gegen das Bestienhafte im Menschen ist". George Washington schrieb im Jahre 1783, daß "die allmähliche Ausdehnung unserer Siedlungen den Wilden, wie den Wolf sicher zum Rückzug zwingen wird; weil sie trotz ihrer unterschiedlichen Gestalt beide Raubtiere sind". Washington erachtete den Ankauf von Indianerland (typischerweise durch Betrug und Zwang) als eine bessere Taktik als Gewalt. Das schlechte Gewissen wurde desweiteren durch die vom Chief Justice John Marshall entwickelte legale Doktrin erleichtert nach der: "die Entdeckung der Indianer das Recht auf deren Auslöschung entweder durch Ankauf oder Bezwingung beinhaltet"; "daß das Recht, welches im Notfall die Beziehungen zwischen Siegern und Besiegten regelt, auf die Stämme der Indianer keine Anwendung finden kann.... auf grimmige Wilde deren Passion der Krieg war, und deren Subsistenz sich hauptsächlich auf die Wälder gründete".

Die Kolonialisten wußten es aber mit Sicherheit besser. Ihr Überleben hing von der landwirtschaftlichen Fortschrittlichkeit der "grimmigen Wilden" ab. Wie Roger Williams bei Betrachtung der Narragansett Pequot Kriege erkannte, daß deren Art zu kämpfen "wesentlich unblutiger und weniger vernichtend als die grauenhaften Kriege in Europa war". John Underhill machte höhnische Bemerkungen über die "klägliche Art" der indianischen Krieger, die "kaum diesen Namen verdienten" und ihre lachhaften Proteste gegen den "wilden" Kampfstil der Engländer der "zu viele Männer abschlachtet" - nicht zu sprechen von Frauen und Kindern in ungeschützten Dörfern, einer europäischen Taktik, die den rückständigen Einheimischen erst noch beigebracht werden mußte. Die nützlichen Doktrine von John Marshall und anderen blieben dank der modernen humanistischen Bildung erhalten; so schrieb die hochangesehene anthropologische Autorität A.L. Kroeber den Indianern der Ostküste eine Art von verrückter, nicht endenwollender Kriegsführung" zu, unbeschreiblich "aus unserer Sicht der Dinge" und so "dominant in ihrer Kultur verwurzelt, daß ein Abgehen davon so gut wie unmöglich ist". Eine Gruppe, die sich von diesen hinterwäldlerischen Verhalten entfernt "würde mit Sicherheit rasch aussterben". Diese "harte Anklage würde mehr Gewicht haben, wenn sie sich auf ein Beispiel oder eine Referenz stützen könnte", bemerkt Francis Jennings in seiner einflußreichen Studie. Die Indianer waren sicherlich keine Pazifisten, mußten aber die Technik des "totalen Krieges" erst noch von den europäischen Eroberern lernen, die diese Erfahrung in Irland und anderswo gemacht hatten. (14)

Angesehene Staatsmänner standen zu diesen Werten. Für Theodore Ronsevelt ist der "gerechteste aller Kriege der gegen die Wilden", um die Rolle der "weltdominanten Gesellschaften" zu festigen. Dieser "noble Missionar", wie er von heutigen Ideologen genannt wird, beschränkte seine Sicht nicht nur auf die "Raubtiere", die aus ihrem angestammten Gebieten innerhalb der "natürlichen Grenzen" der amerikanischen Nation vertrieben wurden. Die Reihe der "Wilden" beinhaltete auch die "Dagos" im Süden, die "malayischen Banditen" und die "chinesischen Halbblute ", die sich der Eroberung der Philipinen durch die USA entgegenstellten. Alles "Wilde, Barbaren, wilde und ignorante Menschen, Apatsehen, Sioux, chinesiche Boxer", wie ihr widerspenstiges Verhalten deutlich zeigte. Winston Churchill erachtete die Anwendung von Giftgas auf "unzivilisierte Stämme" (Kurden und Afghanen im besonderen) als angemessen. Lloyd George bemerkte, um es kurz und bündig zu sagen, daß "wir auf dem Recht bestanden, Nigger zu bombardieren". Die Metapher vom "Kampf gegen die Indianer" fand sich auch hei den Indochinakriegen. Diese Gepflogenheiten gibt es auch in den neunziger Jahren, wie wir im Frühjahr 1991 sahen und sie werden über kurz oder lang wieder auftauchen.

"Die Aufgabe, Bäume und Indianer zu fällen und ihre natürlichen Grenzen einzunehmen" benötigte auch Maßnahmen, um die europäischen Konkurrenten vom Kontinent fernzuhalten. Hauptfeind war England, mächtiges Abschreckungsmittel und Ziel frenetischen Hasses in weiten Kreisen. Dieser Hass wurde von England, verbunden mit einer gewissen Verachtung, erwidert. So bot sich im Jahre 1865 ein progressiver englischer Gentleman für eine Gastprofessur an der Cambridge Universität für amerikanische Studien an. Die Oberen von Cambridge protestierten mit Entrüstung gegen diesen, wie er von jemand mit bemerkenswertem literarischen Flair bezeichnet wurde, "Blitzschlag in der transatlantischen Dunkelheit". Sie fürchteten, daß die Vorlesungen beiden unteren Semestern "Unzufriedenheit und gefahrliche Ideen erzeugen könnten". Einige dachten, daß "Die Auswahlverfahren für Lehrende in Harvard eine defensive Art der Vorlesungen garantieren würde", wie der Historiker Joyce Appleby bemerkt, einen Oberen zitierend, der zugab die Lehrenden von der Klasse zu entfernen nen, die "sich durch die niederen Elemente der Demokratie einer zunehmende Gefahr ausgesetzt sehen". Die meisten befürchten den subversiven Einfluß dieser niederen Elemente. Die Bedrohung wurde in einer eindrucksvollen Schau der politischen Sauberkeit abgewendet, wie sie auch heute in weiten Teilen der akademischen Welt vorherrscht; immer noch voller Angst vor den sogenannten niederen Elementen und deren merkwürdigen Ideen.(16)

Die Demokraten der Jackson- Regierung sahen ein, daß die militärische Stärke Englands für eine Konfrontation zu groß war. Sie verlangten nach einer Annexion von Texas, um den USA ein weltweites Monopol in der Baumwolle zu sichern. Die USA wären dann in der Lage, England und das aufmüpfige Europa zu lähmen. "Durch die Sicherung des Baumwollmonopols" gewannen die USA "einen größeren Einfluß auf das Weltgeschehen, als sich durch noch so große Armeen erreichen ließe", bemerkte Präsident Tyler nach der Annexion und der Eroberung eines Drittels von Mexiko. Er schrieb, daß "dieses, nun abgesicherte Monopol, uns alle anderen Nationen untertan macht. Ein einjähriges Embargo würde in Europa ein größeres Leid zufügen, als ein Krieg über fünfzig Jahre. Ich zweifle daran, ob England politische Uuruhen vermeiden könnte". Dieselbe Macht des Monopols neutralisierte den britischen Widerstand gegen die Eroberung des Oregon Gebietes.

Der Herausgeber der führenden New Yorker Tageszeitung frohlockte, daß Großbritanien "völlig an den Baumwollgürtel der USA gebunden ist, einem Hebel, mit dem wir diesen gefahrlichen Rivalen erfolgreich kontrollieren können". Dank der, das Monopol über den Welthandel wichtigsten Produkt sichernden, Eroberungen, tönte die Polk Regierung, könnten die USA den Welthandel kontrollieren und somit der amerikanischen Union unschätzbare Vorteile im Politischen und im Wirtschaftlichen sichern. "Es werden weniger als fünfzig Jahre vergehen, bis das Schicksal der menschlichen Gesellschaft in unseren Händen liegt", proklamierte ein Kongressmitglied aus Louisiana, als er und andere mit ihm nach der "Herrschaft über den Pazifik" und nach der Kontrolle, der für den europäischen Rivalen wichtigen Rohstoffe schaute. Polks Schatzmeister berichtete dem Kongreß, daß der Sieg über die Demokraten das "Kommando über die Weltwirtschaft garantieren wür- de".

Der Heimatdichter Walt Whitman schrieb, daß unsere Siege "die Menschheit von den Fesseln befreien, die sie davon abhalten zufrieden und gut zu sein". Die Länder Mexikos wurden zum Nutzen der Menschheit übernommen: "Was hat das jämmerliche, unfähige Mexiko mit der großen Mission zu tun, die Neue Welt mit edlen Menschen zu bevölkern?" Andere wiederum sahen die Schwierigkeit, Mexikos Rohstoffe in Besitz zu nehmen, ohne uns dabei die Last ihrer "dummen" Bevölkerung aufzubürden; "geschwächt" durch die "Durchmischung der Gesellschaften". Die New Yorker Presse ware trotzdem voller Hoffnung, daß deren Schicksal "ähnlich dem unser Indianer sein würde- ihre Gesellschaft wird vor Ablauf des Jahrhunderts ausgestorben sein".

Die Interessen der Anhänger der Expansionspolitik gingen weiter als die Sorge, ein unabhängiges Texas könnte das Rohstoffmonopol der USA brechen und zu einem Rivalen werden; Texas könnte die Sklaverei abschaffen und damit gefährliche Funken des Egalitarismus versprühen. Andrew Jackson dachte, daß ein unabhängiges Texas mit einer Mischung aus Indianern und geflohenen Sklaven durch die Briten dazu manipuliert werden könnte, den "gesamten Westen in ein Flammenmeer zuwerfen". Jacksons frühere Eroberung Floridas wurde von John Quincy Adams gerechtfertigt; mit Thomas Jeffersons ausgesprochener Billigung, um die britischen Anstrengungen zu vereiteln, "gemischte Horden von gesetzeslosen Indianern und Negern" in einem "Kampf der Wilden" gegen die "friedlichen Einwohner" der Vereinigten Staaten loszuschieken.

Es liegt auf der Hand, daß die Logik der Jackson- Demokraten auf Saddam Hussein nach seiner Eroberung Kuwaits in der US-Propaganda Anwendung fand. Die Vergleiche sollten aber nicht zu sehr strapaziert werden. Anders als seine Jacksonsche Vorgänger ist von Saddam Hussein nicht bekannt, daß er von einer Gefährdung der Sklaverei im Irak durch angrenzende unabhängige Staaten Angst hatte oder daß er öffentlich nach der "Auslöschung" der "dummen" Einwohner gerufen hätte, so daß die "große Mission den Mittleren Osten mit einer edlen Rasse" der Irakis zu bevölkern weitergeführt und das "Schicksal der Menschheit in die Hände der Eroberer gelegt werden könnte". Auch die wildesten Phantasien sind auf Saddam Hussein unzutreffend in Bezug auf seine momentane Kontrolle über den heutzutage wichtigsten Rohstoff, im Vergleich zu der Art von Macht, wie sie die Eroberer um l84O genossen. Genauso wie Ghaddafi muß Saddam noch einiges über unsere Geschichte lernen, die von entzückten Intellektuellen so gerühmt wird.

Nach den erfolgreichen Eroberungen Mitte des 19.Jahrhunderts stellten die Herausgeber in New York mit Stolz fest, daß die USA die "einzige Macht war und ist, die niemals einen Fußbreit Boden durch Gewalt erlangen will"; "Von all den weitläufigen Gebieten unserer großen Konföderation, über die das Sternenbanner weht, wurde nicht ein Fußbreit durch Gewalt oder Blutvergießen erlangt". Die Überlebenden der einheimischen Völker wurden dazu nicht befragt. Die USA sind einmalig unter anderen Nationen in der Hinsicht, "daß sie sich durch ihre eigenen Verdienste ausbreiten". Das ist nur natürlich, denn "alle anderen Gesellschaften müssen buckeln und verblassen", vor der "großen Aufgabe der Unterwerfung und Eroberung durch die angelsächsische Gesellschaft" - Eroberung ohne Gewalt. Führende Historiker dieser Tage akzeptieren dieses schmeichlerische Selbstverständnis. Samuel Flagg Bemis schrieb im Jahr 1965, daß die "amerikanische Expansion auf praktisch unbesiedelte Gebiete keiner Nation Unrecht antat". Arthur M. Schlesinger hatte davor schon Präsident Polk schon als "einen der Männer der amerikanischen Geschichte bezeichnet, die unverdienterweise in Vergessenheit geraten waren": "Indem er die Fahne zum Pazifik trug gab er Amerika die kontinentale Breite und sicherte die zukünftige Bedeutung in der Welt". Dies ist eine realistische EInschätzung, wenn auch nicht genau im beabsichtigten Sinne. (17)

Solch doktrinäre Vorstellungen konnten den Vietnam- Krieg nicht so einfach überleben, am wenigsten außerhalb der intellektuellen Klasse, wo wir regelmäßig mit Lobpreisungen darüber erfreut werden, wie "die Vereinigten Staaten seit zweihundert Jahren fast unbefleckt die Ideale der Erleuchtung aufrechterhalten haben ... und, über allem, die Universalität dieser Werte bewahrten" (wie unter anderen Yale- Professor Michael Howard, früherer Ordinarius der Modernen Geschichte in Oxford). Richard Bernstein, Korrespondent der New York Times,schreibt heute über "das Selbstverständnis der Amerikaner" und beobachtet, daß "viele von denen, die während der Proteste der sechziger Jahre das Erwachsenenalter erreichten, niemals mehr das Vertrauen in die Güte Amerikas und die amerikanische Regierung, wie sie früheren Jahren vorherrschte, wiedererlangten". (18)

Die Eroberungen der Neuen Welt bedingte zwei gewaltige vorhersehbare Katastrophen, die ohne Parallelen sind: die faktische Zerstörung der einheimischen Bevölkerung der westlichen Hemisphäre und die Verwüstung Afrikas, indem sich der Sklavenhandel zur Befriedigung der Bedürfnisse der Eroberer rasch ausbreitete. Diese Grundmuster gelten auch heute noch. Während des Abschlachtens der Indigenas durch das guatemaltekische Militär, das faktisch ein Genozid war, haben Ronald Reagan und seine Beamten dem Kongreß berichtet, während sie den demokratieliebenden Mördern Beifall spendeten, daß die USA Waffen liefern würden "um die Menschenrechtssituation nach dem Putsch von 1982 zu verbessern", der Rios Mont, dem wohl größten Mörder aller, an die Macht brachte. Die Hauptquelle der Waffenlieferungen an Guatemala lag, wie das General Accounting Office of the Congress bemerkte, in den vom Handelsministerium genehmigten privaten Waffenhandel (von dem Netzwerk von Leuten zu schweigen, die immer dazu bereit sind aus einem Genozid Profit zu machen). Die USA waren außerdem bei den Blutbädern und Terror von Mocambique bis Angola behilflich, während die "stille Diplomatie" den südafrikanischen Freunden half, in den anliegenden Staaten von 1980 bis 1988 einen Schaden von über 60 Milliarden US Dollar anzurichten und dabei 1,5 Millionen Tote zu hinterlassen. Die größten Verwüstungen der allgemeinen Katastrophe, des Kaptialismus fanden während der achtziger Jahre auf zwei Kontinenten statt: Afrika und Latein- amerika. (19)

Einer der bedeutendsten guatemaltekischen Killer, General Hector Gramajo, wurde für seine Beteiligung am Genozid in den Hochländern Guatemalas mit dem Mason Fellowship to Harvard's John F. Kennedy School of Government ausgezeichnet - nicht ohne Grund, wenn man Kennedys entschiedene Befürwortung der Counterinsurgency (den technischen Term des internationalen Terrorismus der Herrschenden) berücksichtigt. Die Oberen von Cambridge sind sicherlich darüber erleichtert, daß Harvard nicht länger gefährliches Zentrum der Subversion ist.

Während der Verleihung in Harvard gab Gramajo dem Harvard International Review ein Interview, indem er eine differenziertere Sichtweise seiner Rolle einforderte. Er sagte, daß er den Vorsitz in der Kommission innehatte, die das "70 zu 30% Zivilprogramm" verabschiedete, "das von der guatemaltekischen Regierung während der achtziger Jahre angewandt wurde um Oppositionelle oder deren Organisationen kontrollieren." (Central America Report (CAR) Guatemala City). Er führte die von ihm eingeführten doktrinären Erneuerungen mit einem gewissen Stolz aus: "Wir haben eine humanitäre, billigere und mit dem demokratischen System übereinstimmendere Strategie geschaffen. Wir haben die zivilen Programme eingerichtet, die 70% der Bevölkerung wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen, während wir 30% ermorden. Zuvor war die Strategie 100% zu töten." Dies ist ein "fortschrittlicheres Vorgehen", als die vorherige Überzeugung, daß "jeder umgebracht werden muß" um die Widersprüche zu kontrolllieren.

Es ist nicht fair von Alain Nairn, der Journalist der den US-amerikanischen Ursprung der mittelamerikanischen Todesschwadronen aufzeigte, Gramajo als "einen der bedeutendsten Massenmörder in der westlichen Hemisphäre" zu bezeichnen, als Gramajo von dem Center for Constitutional Rights In New York für des Mordes, des Verchwindenlassens, der Folter und der Vertreibung von guatemaltekischen Bürgern verurteilt wurde. Wir können jetzt auch verstehen, warum der frühere CIA Direktor William Colby, Gramajo ein Exemplar seiner Memoiren schickte, versehen mit der Widmung: "Für einen Mitstreiter in dem Bestreben eine anständige und demokratische Counterinsurgency- Strategie zu finden", a la' Kennedy. Wir können davon ausgehen, daß Gramajo, genauso wie William Colby, sehr wohl weiß , was "mit dem demokratischen System vereinbar" ist, wie es die Lehrer verstehen.

Bei seinem Verständnis von Humanismus, Anstand und Demokratie verwundert es einen nicht, daß Gramajo der Lieblingskandidat des US- Außenministeriums für die Wahl 1995 ist, wie CAR berichtet oder um Americas Watch on the Harvard Fellowship zu zitieren "die Art und Weise des Außenministeriums, der Vorbereitung Gramajos" auf die Präsidentschaft; oder um ein Mitglied des US Senats zu zitieren, der sagte: "Er ist ihr Mann dort unten". Die Washington Post berichtete, daß viele guatemaltekische Politiker von einem Wahlsieg Gramajos ausgehen, sicher keine gewagte Prognose, wenn er der Mann des US- Außenministeriums ist. Gramajos Image wird zudem aufpoliert. Er bot der Washington Post eine gereinigte Version seines Interviews über das 70 zu 30% - Programm an: "Die Bemühungen der Regierung lagen zu 70% im Bereich der Entwicklung und zu 30% in dem des Krieges. Ich bezog mich nicht auf Menschen, sondern lediglich auf Posten". Zu schade, daß er sich vor der Preisverleihung so schlecht- oder besser gesagt- so ehrlich ausgedrückt hat. (20)

Es ist überhaupt nicht untypisch, daß die Herrschenden der Welt, die sich auf den G-7 Konferenzen treffen, große Teile der afrikanischen und lateinamerikanischen Bevölkerung als überflüssig in der Neuen Weltordnung abschreiben, genauso wie viele andere in den Industriegesellschaften.

Die Diplomatie sah Lateinamerika und Afrika in einem ähnlichen Licht. Entwicklungsprogramme betonen die Rolle Lateinamerikas als Rohstofflieferant, als Markt und für Möglichkeiten der Investition unter der Prämisse der Entnationalisierung des Kapitals und im Allgemeinen einem günstigen Geschäftsklima. Wenn dies mit formalen Wahlen zu erreichen ist, die Geschäftsinteressen dabei gewahrt werden können, so ist dies gut; wenn Todesschwadronen benötigt werden "um den permanenten Angriff auf die Strukturen der sozioökonomischen Privilegien zu bekämpfen, indem man die politische Partizipation der Mehrheit eliminiert, so ist das schlecht, aber der Alternative der Unabhängigkeit vorzuziehen, so die Worte von Lars Schoultz, dem führenden Intellektuellen im Bereich der Menschenrechte in Lateinamerika, die nationale Sicherheit beschreibend, die ihre Wurzeln in der Kennedy-Politik hat. Was Afrika betrifft, empfahl der Planungschef des Außenministeriums, George Kenan, indem er jeden einzelnen Teil des Südens seine spezielle Funktion in der Weltordnung der Nachkriegszeit zuwies, daß er für den Wideraufbau Europas ausgebeutet werden mußte, hinzufügend, daß die Möglichkeit Afrika auszubeuten den Europäern "ein greifbares Ziel bietet, an das sich jeder bisher ohne Erfolg herangetastet hat", ein schwer benötigten psychologischen Schub in der schwierigen Nachkriegslage. Solche Empfehlungen sind, soweit akzeptiert, daß sie weder kommentiert noch erwähnt werden. (21)

Die genoziden Episoden der Kolumbus - oder Vasco da Gama-Ära sind nicht auf die eroberten Länder der des Südens beschränkt, wie die Handlungen des führenden Zentrums der westlichen Zivilisation vor fünfzig Jahren hinreichend belegen. Durch diese Ära hindurch gab es ebenso regelmäßig weit um sich greifende barbarische Konflikte zwischen den Gesellschaften des Nordens, vor allem in diesen schrecklichen Jahrundert. Von dem Gesichtspunkt der meisten Menschen von dieser Welt aus gesehen, hatten sie vieles von Duellen zwischen rivalisierenden Drogenbanden oder Mafia - Paten. Die Frage ist nur, wer bekommt das Recht zu rauben und zu töten. In der Nachkriegsära waren die USA die Vormacht, die die Durchsetzung der Interessen der Reichen garantierte. Es hat sich deshalb eine lange Liste der Aggression, des internationalen Terrorismus, der Blutbäder, der Folter, der chemischen und bakteriologischen Kriegsführung und Menschenrechtsverletzungen von jeder nur erdenklichen Art ergeben. Dies istnicht überraschend,es liegt im Trend. Es ist auch nicht überraschend, daß die gelegentlichen Dokumentatationen dieser Tatsachen fernab des Mainstreams üble Laune unter den Herrschenden erzeugt, wie es regel- mäßig geschieht.

Diese Horrorliste wird - falls überhaupt bemerkt - als unbedeutend betrachtet, ja sogar als ein Beweis unseres Edelmutes angesehen. Und wieder einmal liegt es im Trend. Der mächtigste Mafiapate wird sehr wahrscheinlich ebenfalls das System der Indoktrination dominieren. Einer der großen Vorteile des Reich- und Mächtigseins ist,das du niemals sagen mußt: es tut mir leid. Genau hier erscheint die ethische und kulturelle Herausforderung am Ende der ersten fünfhundert Jahre.

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Anmerkungen:

1. Bruni Höfrer, Heinz Diterich, Klaus Meyer Das fünfhundert- jährige Reich (medico international 1990)

2. Siehe L.S. Stavrianos, Global Rift (Morrow, 1981) Seite 276

3. Jan Carew, "The end of moorish enlightenment and the beginning of the Columbian era"; Davidson, "Columbus and Racism" Race & Class (Januar/März 1992)

4. Hill, A Nation of Change & Novelty (Rout- (Routledge & Kegan Paul 1990)

5. Taylor, Dollars and Sense Nov. 1991. Siehe mein Aufsatz Deterring Democracy Kapitel 1 Anmerkung 19 für Quellen.

6. Steven Elliott- Gower NYT News Service 23.Dez.1991; Korb, Christian Science Monitor 30. Jan. 1992.

7. Zum Hintergrund des Pazifikkrieges, siehe mein American Power and the New Mandarins (Pantheon Kapitel 2) Weltbank Antwort auf die NGO Arbeitsgruppen Papier zur Weltbank, in Trocaire Development Review /Catholic Agency for World Development, Dublin, 1990)

8. Zu Food for Peace, siehe Necessary lllusions von mir (South End Press 1989) Seite 363 und zitierte Quellen, teilweise William Borden Pacific Alliance; Hogan, The Marshall Plan (Cambridge, 1987) Comerce Department Analyse zitiert nach Howard Wachtel. The Money Mandatins (M.E. Sharpe, 1990) Seite 44f; Business Week 7. April 1975

9. Nasar NYT, 7. Februar, Furor on Memo at World Bank, 7.Feb; Reuters und Peter Gosselin, "Export Pollution - Sommers" Boston Globe 7. Feb. Economist 8. Feb. 1992.

10. Mac liwan, Dollars and Sense, Nov.1992

11. Nathan Miller, The Founding Finaglers (McKay. 1976)

12. Alexander Saxton, ibe Rise and Fall of the White Republics (Verso,1990, s.41) Rubin, "Who isn't Cooperating on Lybian Tefforist? Christian Science Monitor, 5. Feb.1992. Daniel Mannix und Malcolm Cowley, Black Cargoes (Viking, 1962) Seite 274

13 Bailey, A Diplomatie History of the Ame- rican People (New York, 1969) Seite 163

14. Richard Drinnon, Facing West (Univ. of Minnesota, 1980) Seite 65 und 43; Jen- nings: The invasion of America (Univ. of Nonh Caro1ina. 1975) Seite 60

15. V.G. Kiernan European Empires from Conquest to Collaps (Fontana, 1982) Seite 200; Zur rassistisch faschistischen Rheto- rik siehe Moysius Fanell, Boston Gobe Magazine 3l. März 1991. Für eine Sam- mlung aus der liberalen Presse, siehe mein Artikel in Z- Magazine, Mai 1991

16. Appleby, Capitalism and a New Social Order (NYU), 1985)

17. Thomas Hietala, Manifest Design (Cornell, 1985); Reginald Horsman, Race and Manifest Destiny (Harvard, 1981); Deter- ring Democracy, Seite 34f

18. Howard Harper's März 1985, Bernstein NYT 2.Feb.1992

19. Military Sales: ihe United States Continu- ing Munition Supply Relationship with Guatemala, US General Accounting Of- fice, Jan.1986, Report to Committee on Foreign Affairs, House of Representives, Seite 4; South African Destabilization: the Econonic Cost of Frontline Resistance to Apartheid, NY, UN, 1983, Seite 13 zitiert aus Fletcher Forum, Winter 1991

20. CAR, Nov. Seite 22; Economist (London), 20. Juli 1991; Shelly Emling, WP, 6 Jan 1992

21. Siehe mein Buch On Power and ldeology (South End Press.1986) Kapitel 1; Deter- ring Democracy Kapitel 1; Grundsätzlich Gabriel Kolko, Confronting The Third World /Pantheon. 1988) Schoultzt. Hu- man Rights and United States Poliey to- ward Latin America (Priceton, 1981)Seite

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