"Mach's gut Oskar"
ZNet, März 1999
Am 11. März trat Oskar Lafontaine von seiner Position als deutscher
Finanzminister und Vorsitzender der SPD zurück. Sein Rücktritt löste
eine Welle der "Euphorie" bei den "jubelnden" Finanzmärkten, den
Redaktionsräumen und den Nachrichtenstudios aus.[1]
Das redaktionelle Lebewohl verkündete die Londoner Financial Times, die
die "zornige Revolte" ankündigte, welche "die Beziehung zwischen
Regierung und Unternehmen in Europas größter Wirtschaft [...]
zweifellos verändert hat".[3] Der Hintergrund ist der Wahlsieg der
Koalition von SPD und Grünen bei den letzten Wahlen. Lafontaine führte
die SPD und war deren Verbindung zu den Grünen. Die "zornige Revolte"
ging nicht von der Bevölkerung aus, sondern von der "Europäischen
Zentralbank und den Drohungen der Unternehmen sich im Ausland
niederzulassen".[3]
Der Zentralbank ist innerhalb der Europäischen Union eine
außergewöhnliche Unabhängigkeit und Autorität gewährt worden, eine
"bedrohliche" Gefahr für die Demokratie, wie ein Leitartikel im Journal
des Council of Foreign Relations warnt und dabei treffend bemerkt, dass
das Ziel darin besteht, "den Finanz- und Unternehmenseliten zu
garantieren, dass [...] Europas Wirtschaftspolitik in angemessener
Weise vor den Forderungen der Arbeitnehmer und anderen Länderinternen
Interessensgruppen geschützt ist" [4].Die Drohung der Umsiedlung von
Unternehmen ins Ausland ist, wie überall bekannt, ebenfalls eine
mächtige Waffe gegen Demokratie und Menschenrechte, besonders gegen die
sozio- ökonomischen Rechte, die von der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte garantiert werden, aber in Washington von den Führern
des relativistischen Angriffs auf diese Deklaration als "ein Brief an
den Weihnachtsmann" und als "grotesk" verspottet werden.[5]
Die größte Wirtschaftszeitung der Welt hat recht, was die Bedeutung
dieser dramatischen Änderung in der "Beziehung zwischen Regierung und
Unternehmen" betrifft. - Das ist die Beziehung zwischen dem
institutionellen Rahmen, welcher an dem fatalen Fehler leidet von der
Öffentlichkeit beeinflussbar zu sein, zumindest im Prinzip und manchmal
sogar tatsächlich, und der nicht zur Verantwortung ziehbaren privaten
Macht, welche viel sicherer ist.
Lafontaine war, wie die Financial Times beobachtet, ein "veralteter
Keynesianer", ein "Versteuerer und Ausgeber des alten Stils" - nicht
ein Borger und Ausgeber des "neuen Stils", der bevorzugten Reagan- Art.
Seine Prioritäten bei den Steuern und Ausgaben waren vollständig
untolerierbar für die "Finanz- und Unternehmenseliten". Sein Verbrechen
war, wie die Redakteure erklären, das Ziel "Große Summen vom
korporativen Sektor in den persönlichen Sektor umzuverteilen". Seine
Steuergesetzgebung "schließt viele bei der Industrie beliebten
Steuerschlupflöcher, ohne dies durch Senkungen in den wichtigsten
Steuern auszugleichen", was einen Frevel darstellte, gegen den die
Unternehmen "aufs äußerste protestierten". Der
"unternehmens-freundlichere" Kanzler Schröder plante eine große Senkung
der Unternehmenssteuern, aber "es war unklar, ob Lafontaine bei so
etwas zustimmen würde - zumindest ohne anderswo Geld einzutreiben". Die
Politik Lafontaines war auch auf andere Arten "unternehmens-feindlich",
da Kleinunternehmen und mittelgroße Familienbetriebe profitierten. Auch
"erzürnte er die Industrie mit seinen sozial gerechten' Veränderungen,
die hauptsächlich auf Arbeitnehmer und Familien ausgelegt waren", was
dazu führte, dass "einige der größten Unternehmen Deutschlands" damit
drohten "ihre Aktivitäten ins Ausland zu verlegen", wo sie von
derartigen "'sozial gerechten' Veränderungen" geschützt sind. Laut dem
Präsidenten der Deutschen Industriellenvereinigung "verursachten
[Lafontaines Initiativen], dass Deutschland im Ausland seinen guten Ruf
verlor", ohne dabei Zeit für eine Erklärung zu verschwenden, welche
Kreise denn definieren was diesen "guten Ruf" ausmacht. Aber durch
seinen Rücktritt wegen der Umsiedlungsdrohung sind "Lafontaines
orthodoxe makroökonomische Ideen ein für allemal gestorben", erklärte
der Präsident der Industriellenvereinigung.[6]
Die "US Entscheidungsträger der Wirtschaftspolitik bedauern den Verlust
Oskar Lafontaines von der internationalen Geldlandschaft wohl kaum",
berichtet die Financial Times weiter, obwohl jene vieler seiner
Initiativen zustimmten, einschließlich seine Versuche "die Europäische
Zentralbank zu einer Senkung der Zinssätze [zu bewegen] um die
europäische Wirtschaft wieder in Gang zu bringen". Aber "Lafontaines
Vorgangsweise schien den Amerikanern wie ein großer Rückschritt in die
unflexible, statische, wohlfahrts-orientierte Vergangenheit Europas",
welche vom modernen, topaktuellen Ansatz der USA abweicht, der darin
besteht einen winzigen Sektor der Bevölkerung zu bereichern, während
die typische Familie pro Jahr um 15 Wochen länger arbeiten muss als vor
20 Jahren, wobei ihre Einkommen stagniert oder gesunken sind; der
durchschnittliche Lohn für nicht leitende Arbeitnehmer ist seit 1973 um
14% gefallen. Sogar das zweit- reichste Zehntel verlor in der
derzeitigen blutarmen Wirtschaftserholung an Netto-Wert (Besitz minus
Schulden), wobei diese Entwicklung in der Hinsicht neue Rekorde bricht,
als das die Mehrheit sich erst jetzt knapp auf den Stand des letzten
Wirtschaftshochs von 1989 erholt hat.[7]
Die Entscheidungsträger der USA hatten gehofft, dass die SPD ein
"nützlicher und konstruktiver Partner in der moderaten mitte- links
Politik sein könne, deren begeisterter Verfechter US Präsident Bill
Clinton ist", aber sie wurden enttäuscht, als sich seine wahren Farben
als "veralteter Keynesianer" zeigten, der "orthodoxe makroökonomische
Ideen" vertritt. Clintons "moderate mitte-links Politik" fehlte es
nicht an Lob. Clinton wurde "mit Martin Luther King Jr. verglichen und
bei einer Wall Street Konferenz [Mitte Januar 1999] allgemein
gefeiert", wo der Präsident der New York Stock Exchange "Mr. Clinton
sagte, dass Dr. King sicher gerade von oben auf das Treffen
herunterlächelt", zur jährlichen King - Gedächtnisfeier, in der
Erkenntnis, wie Clinton "meine kleine Ecke des südlichen Manhattan"
genutzt hat.[8]
Andere kleine Ecken haben sich vielleicht etwas anders entwickelt, aber
"Unternehmens- und Finanzeliten" und ihre Befürworter haben nur
Verachtung für derartige Sentimentalitäten für den "alten Stil" übrig.
Die "Euphorie" und der "Jubel" die den Sieg der privaten Macht
ausgelöst haben, war nicht auf die Märkte oder die Redakteursseiten
beschränkt. Wie es oft der Fall ist, wenn es um wirklich wichtige Dinge
geht, schlossen sich die Nachrichtenseiten, in der Presse der Elite,
der "donnernden Befürwortung" der Unternehmens- und Finanzeliten an,
wobei sie jeden Schein der Objektivität über Bord warfen und eine
Position ziemlich rechts im Spektrum der Clinton- Verwaltung einnahmen.
In der New York Times beschrieb ihr Korrespondent Edmund Andrews den
orthodoxen Keynesianer als "einen der kämpferischsten und
ideologischsten Führer Europas," welcher versuchte Deutschland "auf
einen scharfen Links- Kurs [zu bewegen], der häufig mit Schröders
pragmatischeren und unternehmens- freundlicheren Instinkten
zusammenstieß". Er ist "ein offen bekennender und ideologisch
leidenschaftlicher, linker Traditionalist, der Bänker der Zentralbank
mit seinen brausenden Forderungen nach Zinssenkungen gegen sich
aufbrachte" (welche auch von Washington befürwortet werden, wie der
Zeitungsartikel in seiner "pragmatischen, unternehmens- freundlichen,
moderaten" Überschwänglichkeit zu bemerken vergaß).
Der ideologisch fanatische Lafontaine erließ "zusätzliche Steuern auf
Unternehmen, während er zeitgleich eine große Zahl von Steuersenkungen
für Familien mit niedrigem und mittleren Einkommen erließ". Mit seinem
Rückritt "waren die Linken klar im Abstieg und die Pragmatiker im
kommen", ein wundervoller Sieg für "unternehmens- freundliche
Modernisierer" über "linke Traditionalisten". "Eine wichtige Hürde für
die Profite der Unternehmen ist heute gefallen", jubelte ein Ökonom von
Warburg Dillon Read, während gleichzeitig Zeitungskolumnen, die genauso
"glücklich" wie der "Co-Herausgeber der liberalen Wochenzeitung Die
Zeit" waren, welcher verstand, dass Lafontaine "viel zu ideologisch,
viel zu links und viel zu weit von der ökonomischen Realität des Landes
entfernt" war.[9]
Andrews erkannte, dass der "pragmatischere und unternehmens-
freundlichere" Schröder mit einem Problem konfrontiert war: "in
Deutschland basiert die Politik auf politischen Parteien". "Die Natur
der Macht in Deutschland verlangt nach Kontrolle einer der großen
politischen Parteien, und es war der viel linkere Lafontaine, der auf
diesem Level Disziplin sammeln konnte" - Das ist neu -sprachlich
formuliert die Beobachtung der Financial Times, dass Lafontaine "von
der SPD Basis herzlich angenommen worden ist", im Unterschied zu
Schröder und er war natürlich auch beim Koalitionspartner der SPD, den
Grünen, um einiges populärer. Die Grünen haben "alle ihre obersten
Prioritäten aufgegeben", wie Andrews berichtet, aber es ist heute
unklar, ob sie "gewillt wären sogar noch mehr zugunsten der Interessen
der Industrie zu opfern". Das Problem ist das übliche: zu viel
Demokratie - aber Andrews beruhigt den Leser mit der Feststellung, dass
Lafontaine "niemals Schröders Popularität bei den Wählern erreichen
konnte".[10]
Weitere gute Nachrichten für die "unternehmens-freundlichen
Moderatoren" und "Pragmatiker" sind, dass der "brausende, aufgeblasene
politische Boss" Lafontaine von Hans Eichel ersetzt wird, welcher wegen
seiner "Erfahrung mit der Zusammenarbeit mit konservativen Bankern"
besonders attraktiv ist. Sich an der Euphorie beteiligend, loben die
Zeitungskolumnen der Washington Post Eichel als "den unternehmens-
freundlichen Ministerpräsidenten Hessens, Deutschlands reichstem
Bundesland". Deutschland kann nun den "harten Entscheidungen"
gegenübertreten, welche Margaret Thatcher für Großbritannien erledigte,
nämlich den "schmerzlichen Umstrukturierungen zum freien Markt", welche
den "markt- orientierten Pragmatismus" Tony Blairs ermöglichten. Auch
Deutschland wird in der Lage sein, seinen "breit ausgelegten
Wohlfahrtsstaat zu beschneiden" und "unternehmens-freundliche
Vorschläge" zu verwirklichen, wobei es sich von der "traditionellen
sozialistischen Basis" der SPD befreit, denen Arbeitnehmer, Familien
und kleine Firmen wichtig waren und die Macht an "pragmatischere
Moderatoren" übergibt. Dann könnte Deutschland jene Art des Paradieses
werden, welches bereits die Mehrheit der Bevölkerungen Englands und der
USA beglückt, durch eine "Umstrukturierung zum freien Markt" - welcher
in Großbritannien "freien Märkten" ein bisschen eher nahe kommt als
hier, in Übereinstimmung mit der üblichen Beziehung zwischen Märkten
und Macht.[11]
Andrews bemerkt noch ein anderes potentielles Problem: Eichel hat eine
dubiose Vergangenheit. "Er führte eine Kampagne gegen nukleare
Aufrüstung und für den Umweltschutz". Aber "seine Politik hat sich seit
dem gemäßigt". Er wird heute "grundsätzlich für einen Verbündeten der
Unternehmen gehalten", und die Maßlosigkeit seiner Jugend wird wohl
nicht zuviel mit der atemberaubenden Niederlage der Demokratie und der
Menschenrechte in Konflikt kommen.
Diese Ereignisse sind wichtig, genauso wie ihre Interpretation. Die
Lehren für die Bevölkerungen der reicheren Länder sind ziemlich klar,
für die weniger Glücklicheren umso mehr.
Übersetzt von Matthias
Fussnoten
1) Edmund Andrews, "German Finance Aide Quits: European Markets Jubilant," NYT, March 12; Andrews,
2) "German Stock Market Soars As Leftist Fiscal Chief Quits," NYT March 13, 1999.
3) Editorial, "A farewell to Oskar," FT, March 13.
4) Ralph Atkins, "Clash of Thunder Gods leads to opportunity to start afresh," FT, March 13/14.
5)Sheri Berman and Kathleen McNamara, "On Central Banks and Democracy," Foreign Affairs, March/April 1999.
6) UNO Botschafter Jeanne Kirkpatrick; Botschafter Morris Abram,
erklärt das US Veto zum "Recht auf Entwicklung", welches nah an die
Universelle Deklaration herankommt. Siehe auch meinen Artikel "The
United States and the challenge of relativity" (in Tony Evans, ed.,
Human Rights Fifty Years On, U. of Manchester, 1998), nachgedruckt in
The Umbrella of U.S. Power," Open Media Pamphlet Series (Seven Stories,
1999).
7) [Editorial, FT, op.cit; Ralph Atkins, FT, March 15; Atkins and
Frederick Stuedemann, FT March 13/14; Uta Harnischfeger, FT, March
13/14.
8) Gerald Baker, "US policymakers relieved at departure," FT, March 15.
Lawrence Mishel, Jared Bernstein, John Schmitt, The State of Working
America 1998-99 (Cornell, 1999); Robert Pollin and Stephanie Luce, The
Living Wage (New Press, 1998); Edward Wolff's research, cited by Aaron
Bernstein, Business Week, Sept. 14, 1998.
9) Baker, op. cit.. James Bennet, "At a Conference on Wall Street
Diversity, the President Finds His Own Stock Soaring," NYT, Jan. 16,
1999. Andrews, NYT, March 12, 13, 15. Ibid.
10) Andrews, "From Wealthy Hesse, an Ally of Business," NYT, March 13; William Drozdiak, WP, March 13.
11) Andrews, "From Wealthy Hesse."

