Ideologie
Briefe aus Lexington - Lies of Our Times, Oktober 1991
Lieber Loot,
Wir können einiges über die Art lernen, wie die Welt funktioniert, wenn wir beobachten, was an der Schwelle der ideologischen Institutionen scheitert und damit unsichtbar bleibt. In Bezug darauf sind akademische Studien manchmal sehr aufschlussreich. In der Political Science Quarterly (Sommer 1991) rezensierte Doris Gaber Nicholas Berrys Foreign Policy and the Press: An Analysis of the New York Times` Coverage of U.S. Foreign Policy: " Ein Muss für jeden, der an der Berichterstattung über die Außenpolitik interessiert ist." Berrys Studie "bestätigt seine Theorien und wiederlegt seine Konkurrenz." Seine Theorie besagt, dass "wenn sich der Misserfolg der Außenpolitik zeigt, die Medien sich die Ansichten der vernehmbaren Kritik aneignen", obwohl nur " zuverlässige, zitierbare, politische Quellen" verwendet würden. Die wiederlegten Konkurrenztheorien werden nicht benannt, aber es müssen Thesen sein, die behaupten, dass die Medien nicht in der Lage seien außenpolitische Misserfolge zu kritisieren. Alle Befürworter dieser Theorie, dass Medien selbst den Totalitarismus übertreffen, sind somit zu züchtigen, wie es sich gehört.
Ausgeschlossen, praktisch per Erlass, ist der subversive Gedanke, dass es vielleicht für die Medien nicht ausreicht, gehorsame Diener zu sein, die nur die Doktrinen der Mächtigen ohne ein einziges Wort der Kritik übernehmen, und sie im Rahmen des Koordinatensystems der Macht - Erfolg und Misserfolg - zu bewerten. Publikationen mit höheren Visionen einer freien Gesellschaft liegen zu weit daneben, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Auslassungen in bedeutenden Stories der letzten Monate haben interessante stillschweigende Vertuschungen zu Tage gebracht, die eine Leitfunktion für die Politik besitzen und die dogmatische "Verkleidung" prägen. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand Robert Gates` Bestätigungs-Hearing als CIA-Direktor. Nach dem Ende der Veranstaltung blickte Elaine Sciolino zurück auf seinen Werdegang und stellte seine wichtigen Charakterzüge heraus: die Reue und Arroganz des Anwärters, seinen "Charakter und Stil", die Aufrichtigkeit seiner "persönlichen Überzeugung," etc. ("Hearings on Gates Show Many Layers of His Personality," NYT, 6. Oktober, Seite 1). In einem einzigen Satz ihrer Zusammenfassung erwähnte sie, dass Gates glaubte, dass "der einzige Weg mit der Sandinista-Regierung in Nicaragua umzugehen, ein militärische Intervention ist," aber Sciolino ignorierte in Folge diese marginale Angelegenheit, welche den Kongress oder die Medien nicht interessierte.
Der bedeutungsvolle Verweis führt zu einem Gates-Memorandum vom 14. Dezember 1984 gegenüber CIA-Chief William Casey (NYT, 20. September, Seite 20). Der stellvertretende Nachrichten-Direktor eröffnete seine Rede mit den Worten, dass "es an der Zeit ist, gerade heraus über Nicaragua zu reden." Wir müssen "akzeptieren, dass die Eliminierung dieses Regimes wichtig ist in Bezug auf unsere nationalen Interessen, die (vorgetäuschte Anm. d. Übers.) Kürzungen der Waffenlieferungen an El Salvador" und andere Vorwände könnten politisch übergangen werden. "Wir müssen eine umfassende Kampagne verfolgen, die darauf abzielt, das Regime zu stürzen," mit Zurhilfenahme aller nötigen Mittel, wie unter anderem den Gebrauch von Wirtschaftssanktionen (kurz darauf in Kraft getreten) und, wenn machbar, "Quarantäne" und militärische Eingriffe (Luftschläge etc.). "Hoffnungen, das Regime zu einer Selbstreformation zu bewegen sind nutzlos und dumm," schrieb Gates direkt nach der Wahl 1984, die illegitim war, da sich die von den USA unterstützten Ströme nicht durchsetzen konnten. Entweder wir erkennen, "dass die westliche Hemsiphäre der Einflussbereich der USA ist", so dass wir "den Kontinent von jedem säubern", der uns nicht gefällt, mit welchen Mitteln auch immer, oder wir entscheiden uns "zur totalen Aufgabe der Monroe-Doktrin." ( Anm. d. Übers. Die Monroedoktrin ist eine Erklärung von James Monroe, dem 5. Präsident der USA (1817-1825) vom 2.12.1823. Sie besagt, dass die europäischen Mächte keine weiteren amerikanischen Kolonialgebiete erwerben sollten, dafür greife die USA nicht in europäische Streitigkeiten ein. Wesentlicher Bestandteil wurde dann, dass Lateinamerika sich zum Spielball der USA entwickelte.) Diese Gedanken wandten sich nicht gegen Gates` Qualifikation. Ebenfalls unbemerkt blieb die Tatsache, dass er einen festen Grund hat für seine Interpretation der Monroe-Doktrin. Zum Beispiel die Auslegung des Secretary of State unter Woodrow Wilson, Robert Lensing: "In seiner Befürwortung der Monroe-Doktrin beachten die Vereinigten Staaten ihre eigenen Interessen. Die Integrität der anderen amerikanischen Staaten ist ein Nebenfolge, kein Ende. Weil sie auf Egoismus begründet scheint, hat der Autor keine höheren und großzügigeren Motive in seiner Deklaration." President Wilson fand Lansings Argument "unwiderlegbar", obwohl er es als "unpolitisch" betrachtete, es öffentlich zu machen. Daran hat sich praktisch nichts geändert. Eine indirekte Bestätigung der selben Haltung taucht in Vincent Canbys wohlgesinnten Rezension eines Films von Susan Meiselas auf, der ihre pro-Sandinista-Haltung widerspiegelt (NYT, 5. Oktober, Seite 11). Der Film, auf den Canby sich bezieht, sei eine "melancholische Betrachtung, die manchmal die Sinnlosigkeit jedweder sozialen Kämpfe widerspiegelt." Abgesehen von ein paar vagen Phrasen über "Druck von außen," bleibt der Leser völlig im Dunkeln, was wichtige Gründe für diese "Sinnlosigkeit" angeht - welche exakt im Gates-Memorandum und in der Reaktion zu diesem deutlich werden. Die fehlende Reaktion auf Bushs zurückgewiesene Sanktionen gegen das Putsch-Regime in Haiti enthüllen ferner grundlegende Vortäuschungen: "...das Problem ist, dass wir damit den Menschen Haitis schaden" (Thomas Friedmann, "U.S. and Latins Moving to Isolate Haiti," NYT, 3. Oktober 1991, letzter Absatz). Stille ist angebracht; es wäre überflüssig die völlige Heuchelei dieses Kommentars in Zusammenhang mit der Vergangenheit Bushs zu deuten. Die verschwiegene Annahme ist natürlich, dass der Präsident ein verbrecherischer Heuchler ist, dessen Deklarationen von keiner Person, die über einen gesunden Menschenverstand verfügt, ernst genommen werden kann, und bloß eine Hülle für unsere gemeinsamen Absichten sind, die Hemisphere zu kontrollieren - eigentlich die ganze Welt - mit allen nötigen Mitteln, um "unser" Gebiet von jedem zu säubern, der uns in den Weg kommt.
Auslassungen in der Times vom 26. September bestätigen diese Annahme indirekt. In einem Artikel über den Irak zitierte Andrew Rosenthal ohne Kritik eines US-Offiziellen: "Wenn man in irgendeiner Weise eine Glaubwürdigkeit für eine Neue Weltordnung schaffen möchte, muss man die Bevölkerung für rechtliche Prozesse verantwortlich machen, und Saddam missachtet alle" (The Bush-Hussein Duell," Seite 1). Auf der Rückseite der gleichen Ausgabe findet man ein paar Absätze einer Reuters-Eilmeldund mit der Überschrift "U.S. Forgives 260 Million Managua Debt." Weggelassen wurde in dieser Eilmeldung ein Paragraph aus einem Bericht, der ein paar Tage früher erschien - Nicaragua hatte ein paar Tage zuvor die Anklage vor dem Internationalen Gerichtshof gegen die USA zurückgezogen Boston Globe, Reuters, "U.S. writes off Nicaragua`s debt," 26. September, Seite 13). Diese Handlung hatte es nicht verdient in der Times erwähnt zu werden, und fand auch in anderen Zeitung kaum Erwähnung (Boston Globe, "Nicaragua drops suits against US," 18. September, Seite 70). Ein Jahr früher beobachtete die Times zufällig, dass die US-Hilfe zurückgehalten wurde, um Nicaragua zu nötigen, von "der gerichtlichen Schadensersatzzahlung von 17 Billionen $" abzusehen, "die Nicaragua am Weltgerichtshof gegen die USA gewonnen hatte" (Marc Uhlig, "U.S. Urges Nicaragua to Forgive Legal Claim," NYT, 30. September 1990). Die Ruhe, die der 26. September schafft, ist eine perfekte Basis für unsere strenge Forderung, dass alles durch "legale Prinzipien geschaffen werden muss", wenn unsere "Neue Weltordnung" glaubhaft sein soll.
Die anderen Geschehnisse des Monats drehen sich routinemäßig um die "großen Träume" und "Zukunftsvisionen" des Präsidenten; und um das "historische Fenster der Möglichkeiten", dass bei einem Triumph der U.S und dem Zusammenbruch des "bösen Imperiums" aufgestoßen wird, usw., usw. (R.W. Apple, "Is Time Running Out for Bush to Remake the Middle East?", NYT, Week Review, 22. September, Seite 1). Zwei Faktoren haben es erst möglich gemacht, dass Bush "so große Träume hat", in denen der arabisch-israelische Friede und andere Angelegenheiten vorkommen, wie Apple beobachtet: (1) es gibt keine Gefahr mehr, dass regionale Spannungen zu einer Konfrontation der Supermächte führen; (2) "..., die Vereinigten Staaten müssen nicht mehr länger mit Ländern ringen, deren Streitsüchtigkeiten durch Moskau unterstützt werden, um anhaltende Unruhen zu stiften."
Die Faktoren wurden exakt herausgestellt, dennoch ist eine Übersetzung aus dem Neu-Sprech nötig. Der erste Faktor ist, dass die U.S seit dem die sowjetische Abschreckung nicht mehr existent ist, auf der ganzen Welt ihren Willen mit Gewalt durchdrücken können, eine Konsequenz, die logischerweise Angst und Verzweiflung in vielen Teilen der Welt verursacht. Die zweite Phrase verkörpert die Doktrin, dass der U.S.-Standpunkt immer rechtens und vor allem auch gerecht ist, so dass alle, die gegen die "absolute Wahrheit" sprechen, "streitsüchtige" Satelliten der sowjetischen Bedrohung sind. Im zur Diskussion stehenden Fall beinhaltet die Kategorie alle NATO-Aliierten, alle blockfreien Staaten, praktische alle Staaten außer Israel und den USA, wie bei der jährlichen Abstimmung der UNO über die Eröffnung eines Friedens-Prozesses im Nahen Osten, welche die Vereinigten Staaten immer mit Veto geblockt haben der sie mit dem ideologischen "U.S.-Ablehnungsdoktrin" kollidiert. Die historischen Fakten wurden mit so einer Genauigkeit gelöscht, dass von Seiten der Regierung überhaupt keine Angst besteht, dass irgendein Winston Smith (Anm. d. Übersetzers: Hauptfigur in George Orwells Dystopie "1984) kläglich wiederholen wird, dass 2+2=4 ist.
Ähnliche Leistungen unterliegen dem bejahenden Nicken für den PLO-"Realismus", dessen "Vertreter" auf die U.S.-israelische Anerkennung angewiesen sind, um an der "Friedenskonferenz" teilnehmen zu dürfen - die unter der Leitung der USA steht -, wobei ihnen dann erlaubt wird, die Bestätigung des Shamir-Plans - und nichts anderes - "zu verhandeln, wie James Baker eindeutig Anfang 1989 klarmachte. Ein Leitartikel des Boston Globe (6. Oktober) ist symbolisch. Im Artikel wird erklärt, dass "die Hauptursachen der Schwäche der PLO die Niederlage Saddam Husseins, und die politischen und finanziellen Kosten der Allianz zwischen Arafat und Saddam, und das Dahinschwinden der sowjetischen Superpower sind." Ein weiteres "Verbrechen" [... für die Vereinigten Staaten] war die unterlassene Vertreibung der Täter des vereitelten Terror-Aktes im Mai 1990, was zu einer Streichung des USA-PLO-Dialogs und Arafats "Unterstützung" für den irakischen Eroberungsfeldzug gegen Kuwait führte (den die PLO in der Öffentlichkeit verurteilte).
Diese Doktrinen sind bestens geeignet für die Befürworter der US-israelischen Ablehnungsdoktrin. Die Unwahrheit dieser Behauptungen ist aber schnell belegt am Beispiel der Bush-Baker-Bedingungen, die während der Anfänge der US-PLO-Verhandlungen aufgestellt wurden, und das lange vor der Invasion Kuwaits und ohne Bedenken um die Sowjetunion. Außerdem meißelte der Bush-Baker-Plan die US-Ablehnungsdoktrin gegenüber den palästinensischen Rechten praktisch in Stein, im Gegensatz zu dem, was der Rest der Welt forderte. Bezüglich des US-PLO-Dialogs machten die Vereinigten Staaten von Anfang an klar, dass die Palästinenser sich keine Hoffnung auf Verhandlungen machen sollten, die nicht unter dem Motto der US-Ablehnungsdoktrin stehen, und das die "Unruhen" (Intifada) sofort beendet werden sollten, "die wir als terroristische Übergriffe gegen Israel werten," und somit ein Grund seien, den Status Quo beizubehalten. Israels Verteidigungsminister Yitzhak Rabin (Arbeitspartei) begrüßte die vorgetäuschten Verhandlungen als Plan, der es Israel ermögliche, die Intifada mit Gewalt zu zerschmettern, wie es dann auch geschehen sollte. Die Fakten wurden von den Hütern der politischen Richtigkeit weggeschlossen - die Journalisten und deren Mitstreiter haben jetzt freie Hand Geschichten zu erfinden, die in den Rahmen der ideologischen Bedürfnisse passen.
Wenn die unbequeme Wahrheit nicht jenseits der Grenze des Erlaubten läge, gäbe es vielleicht sogar neugierige Journalisten, die nach dem Ursprung des israelischen Gesetzes fragen, dass jeglichen Kontakt mit der PLO verbietet, welches erlaubt, israelische Friedensaktivisten und andere Unerwünschte einfach ins Gefängnis zu stecken (Clyde Haberman, "Israel Jails Abie Nathan for New Arafat Contact, NYT, 7. Oktober), und den Palästinensern das Recht verwährt ihre eigenen Repräsentanten zu entsenden, um die Kapitulation zu unterschreiben. Einer der führenden israelischen Kommentatoren in Rechtsangelegenheiten liefert die Antwort: Das Gesetz sei auf "persönliche Initiative des Staatsoberhauptes Ben-Gurion eingeführt" worden, um jeden Kontakt mit Yitzhak Schamir und seinen anderen "Terroristen" zu verbieten, die den UN-Beobachter Folke Benadotte ermordet hatten. Erst als der Likud 1977 den Sieg davontrug, wurde die Proskription offiziell widerufen (Moshe Negbi, "The Law to Prevent Contact with the Head of State", Hadashot, 13. September). Eine gewissenhaftere Zeitung hätte vielleicht die Ausmaße des Abkommens beleuchtet, dass Befürworter des Terrors vom Verhandlungstisch verbannt. Wir warten schon eine lange Zeit.
Eine weitere Story der vergangen Monate war Bushs Initiative Nuklearwaffen zu vernichten. Wiedermal fehlten hier die nötigen Hintergrundinformationen. Die Standard-Doktrin ist, dass Nuklearwaffen als "Schutzschild" für Interventionen benutzt werden, damit die USA ihre "globalen Interessen" mit "konventionellen Mitteln" durchsetzen könnten; sie dienen als "bedeutende Instrumente der militärischen und politischen Machtausübungen" unter dem "nuklearen Regenschirm" (Reagans Anhänger Rostow, Carters Verteidigungsminister Harold Brown). Da der "Regenschirm" nicht mehr länger gebraucht wird, kann er zusammengeklappt werden, obwohl diese Instrumente der Nötigung immer noch einsatzbereit sein müssen, um gegen die alten Feinde eingesetzt werden zu können. Die zentrale Absicht kann aus der Aussage des angesehenen Staatsmannes Lloyd George gefiltert werden, nachdem der britische Druck 1932 eine Konvention ins Leben gerufen hat, die das Bombardieren von Menschen verbietet: "Wir bestehen auf das Recht Nigger zu bombardieren", gab er offen zu. Der Rest ist Schweigen.
Diejenigen, die sich selbst als "links" bezeichnen, können vielleicht durch folgende Auslassung aufgemuntert werden. Diesmal in einer Front-Page-Story über die "neue linke Hartnäckigkeit, die m. political correctness nennt" (Anthony De Palma, "In Campus Debate On New Orthodoxy, A Counteroffensive", NYT, 25. September, Seite 1). DePalma bezieht sich auf die Verdammung dieser "Orthodoxie" durch Präsident Bush und viele andere, die behaupten, dass die Gegner des Rassismus, Sexismus usw., eine große Gefahr für die Freiheit darstellen würden, die bisher auf dem Campus geherrscht habe. Angenommen, des Arguments Willen, wir gestehen die Richtigkeit aller Verdammungen ein und akzeptieren die inbegriffene Behauptung über das "goldene Zeitalter", bevor die neue "Orthodoxie" eingekehrt ist. Eine Frage bleibt immer noch. Warum ist es durch die Bank selbstverständlich, das die Ablehnung von Rassismus, Sexismus und der Respekt für andere Kulturen eine "linke" Position ist - folglich eine Position, der jede anständige Nation abschwören muss. Diese stillschweigende Vortäuschung ist nicht an bestimmte Personen gerichtet, aber auch nicht ganz ohne Bedeutung.
Aufrichtig,
Noam Chomsky
