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Historischer Wendepunkt: Noam Chomsky im Gespräch

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Christian Radler - Tagesschau, September 2001

Kritische Intellektuelle haben es seit jeher schwer, sich in den großen US-Massenmedien Gehör zu verschaffen. Bei der aktuellen Krise ist dies nicht anders.
Das Beispiel Fernsehen: Die Sender liegen ganz auf Linie mit Regierung und Behörden und schwenkten am Wochenende um von der nationalen Trauer auf die Vorbereitung des US-Rachefeldzugs gegen den Terroristenführer Osama bin Laden. tagesschau.de sprach am 19. September mit dem amerikanischen Dissidenten und Intellektuellen Noam Chomsky, 72, Professor für Sprachwissenschaft am MIT in Cambridge (MA).

Die US-Fernseh-Networks schwanken momentan noch zwischen "America Rising" und "America's New War" als Aufmacher für ihre Sendungen. Sehen Sie da einen qualitativen Unterschied?

Ich persönlich sehe nie fern. Deshalb kann ich zwischen den Networks nicht differenzieren. - Das Fernsehen erfüllt aber aktuell die Aufgabe, die es immer hatte: Die Massen zu mobilisieren und auf Richtung zu bringen. Die Bilder, die uns das Fernsehen vorsetzt und die Texte dazu bedeuten aber nichts, solange sie nicht mit den Ursachen der Anschläge verknüpft sind.

Und die wären?

Zunächst einmal: Die Supermacht USA hat den Terroristen bin Laden selber ausgebildet. Wenn er hinter den Anschlägen steht, wendete er nur das an, was ihm CIA und diverse andere westliche Geheimdienste beigebracht haben, als sie ihn brauchten. Damals wollte man etwa die Sowjets aus Afghanistan vertreiben. Das Problem bin Laden ist ein rein hausgemachtes.

Zweitens: Die Terroristen sind vor allem Menschen, deren Heimat unter der Politik der USA leidet.

Ihre Kollegin Susan Sontag schreibt im aktuellen "New Yorker" Magazin, dass die Attentäter keine Feiglinge waren, dass dies kein zweites Pearl Harbor war und dass US-Präsident Bush in den vergangenen Tagen "wie ein Roboter" gehandelt habe. - Ist das auch Ihre Einschätzung?

Dreimal ja! Dass Bush wie ferngesteuert handelt, ist sogar meine Erwartung. Er ist Sprachrohr seiner Berater. Niemand, der bei Trost ist, würde Bush ernsthaft die alleinige Entscheidungsgewalt in irgendeiner Frage von Belang geben.

Wie sollen die US-Massenmedien mit all dem umgehen?

Sie sollen endlich die ganze Wahrheit berichten. Die Alternativen zum Krieg gegen bin Laden und seine Anhänger darlegen. Melden, dass der Kongress in Washington in diesen Stunden ein Gesetz verabschiedet, nach dem hohe Kapitalgewinne geringer besteuert werden. Darüber berichten, wie sehr die US-Rüstungsindustrie von einem Krieg profitiert und wie sie sich schon jetzt Milliardenaufträge gesichert hat.

All das tun die Zeitungen.

Aber erst seit ein paar Tagen. Die "New York Times" etwa hat bis Montag nicht ein kritisches Wort zum Thema Sicherheitsmängel des WTC, schlechter Geheimdienstaufklärung oder den Profiteuren eines US-Militäreinsatzes verloren.

Gibt es eine globale Konsequenz aus diesem Anschlag?

Und ob. Die Weltordnung ist völlig auf den Kopf gestellt worden. Am Dienstag hat quasi die Dritte in die Erste Welt zurückgeschossen. Zum allerersten Mal.

Bin Laden oder wer auch immer ist aber nur dank seines Wohlstandes in der Lage gewesen, diese Unternehmung zu finanzieren. Bin Laden ist damit nicht gerade ein typischer Repräsentant der Dritten Welt.

Aber die Attentäter kommen aus der Dritten Welt. Und sie haben den Spieß der Kolonialherren und ihrer Nachfolgestaaten umgedreht. Der Anschlag hat nicht nur historische Ausmaße, er ist zugleich historischer Wendepunkt. An vielen Orten der arabischen Welt sind die Menschen unzufrieden. Sie sind deswegen nicht gleich islamische Fanatiker - ebenso wie die Einwohner Afghanistans...

... die demnächst wahrscheinlich von den USA und ihren Verbündeten angegriffen werden.

Es sieht ganz danach aus. Die USA tappen damit "in die diabolische Falle bin Ladens", wie es der französische Außenminister gesagt hat. Aber auch davon habe ich in den US-Medien nichts gelesen oder gehört.

Nicht mal im so um Ausgleich bemühten "National Public Radio"?

NPR ist kein Deut besser als die kommerziellen Radiostationen.

Sie haben die McCarthy-Ära mit Anfang 20 miterlebt - wie wahrscheinlich ist eine erneute Hexenjagd auf Andersgläubige und -denkende in den USA?

Ich habe diese Hexenjagd nie ernst genommen. Es war auch in den Vietnamjahren noch schwierig, sich in der Öffentlichkeit zu treffen. Aber Hand aufs Herz: Die Menschen in den USA und Europa können - bislang jedenfalls - nicht ernsthaft von einer Unterdrückung durch ihre Regierungen oder andere Staatsorgane sprechen. Wie immer genießen wir alle Freizügigkeit der Welt.

Das Interview führte tagesschau.de-Reporter Christian Radler, New York.

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